Die Olympische Idee und der Nationalsozialismus

30.11.2022

Die Olympische Idee und der Nationalsozialismus

Interview_Teichler

Academia im Gespräch mit Prof. i.R. Dr. Hans Joachim Teichler

Sie befassen sich in Ihrem neuen Buch mit der Internationalen Sportpolitik im Dritten Reich. Können Sie kurz erklären, wie die Olympischen Spiele 1936 nach Berlin kamen?

Nach dem guten Abschneiden der deutschen Sportler bei den Olympischen Spielen 1928 in Amsterdam (2. Platz in der inoffiziellen Nationenwertung) entschloss sich das deutsche IOC-Mitglied Theodor Lewald eine Bewerbung für Berlin 1936 abzugeben und bot an den nächsten IOC-Kongress 1930 in Berlin durchzuführen. Beeindruckt vom glänzenden Empfang in Berlin (Unterbringung im Adlon, Tagung im Preußischen Herrenhaus) und von der Berliner Sportinfrastruktur votierte das IOC 1931 in einer schriftlichen Abstimmung (der Kongress 1931 war schwach besucht) mit 43 Stimmen für Berlin, wo schon 1916 Olympische Spiele stattfinden sollten. 16 Stimmen fielen auf Barcelona, bei 8 Enthaltungen.

Die Spiele wurden also lange vor der „Machtergreifung“ Hitlers an Berlin vergeben. Hatte der Völkische Beobachter 1928 die Olympischen Spiele der Neuzeit noch als „rasseloses Verbrechen  gleich der Völkerbunds Idee“ diffamiert, forderte das gleiche Blatt 1932 „nur noch“ den „Ausschluss der Farbigen“ von den Olympischen Spielen Berlin 1936.

Warum hat sich der IOC dazu entschieden, trotz der Nürnberger Gesetze von 1935, dem Bekanntwerdenden der Diskriminierung und Verfolgung von u.a. Juden und internationalen Protesten gegen die Durchführung der Spiele im Deutschen Reich, diese dennoch stattfinden zu lassen?

Das IOC verfolgte zunächst das Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten des Deutschen Reiches und gab sich aber dann, als die Proteste jüdischer, kirchlicher und gewerkschaftlicher Kreise (vor allem in den USA) immer lauter wurden, mit der deutschen Zusicherung zufrieden, es könnten – bei sportlicher Qualifikation – auch Juden in der deutschen Olympiamannschaft starten. Und obwohl die Jüdin Gretel Bergmann 1936 mit einer medaillenreifen Leistung im Hochsprung glänzte, ließ man sie wegen angeblich unsteter Leistungen nicht starten. Rudi Ball (Eishockey) und Helene Mayer (Fechten), die als „Alibijuden“ starten durften, hatten jüdische Väter aber keine jüdische Mutter, und waren somit nach jüdischem Gesetz keine richtigen Juden. Auch praktizierten sie die Religion ihrer Väter nicht.

Stand das Deutsche Reich und das Bekanntwerden seiner Politik nicht im völligen Widerspruch zu der Olympischen Idee?

Prima vista muß man dem amerikanischen Autor George Hirthler, der eine Biografie über den Begründer der modernen Olympischen Spiele geschrieben hat, recht geben. Er behauptet, ideologisch sei de Coubertin so weit von Hitler entfernt gewesen, wie es nur sein könne. «Die Philosophie des Olympismus sei die Antithese zum Faschismus», sagt er und verweist darauf, dass de Coubertin über den Sport «in Freundschaft und Friede die Welt zusammenbringen wollte». So liest man das in der NZZ. Sie fragen daher zu Recht, wieso lässt man dann Olympische Spiele in der „Antithese“ stattfinden?

Das IOC und der Autor Hirthler verbreiten eine geschönte, unhistorische Interpretation der Lehre Coubertins. Ein Motiv zur Wiederbegründung der antiken Olympischen Spiele war für Coubertin, der unter der französischen Niederlage im Krieg von 1870/71 litt, „rebroncer la France“. Er wollte der französischen Jugend den Stachel des internationalen Wettkampfes ins träge Fleisch jagen.  In einem Aufsatz aus dem Jahr 1931 (Delphi und Olympia) reduzierte Coubertin den Olympismus auf die „die Religion des Muskels“ und „die Leidenschaft der körperlichen Anstrengung“. Damit wurde der Neo-Olympismus passfähig für jegliche Ideologie, auch die des Nationalsozialismus. Beeindruckt von den deutschen Anstrengungen zur perfekten Ausrichtung der Spiele gelangte Coubertin offensichtlich schon früher als bisher bekannt zu einer positiven Beurteilung Hitlers. Er gehörte damit zu jener Mehrheit im IOC und in der internationalen bürgerlichen Sportwelt, die sich den Argumenten
der Boykottanhänger und den Appellen der zahlreichen internationalen Ossietzky-Komitees verschloss und stattdessen den Friedensbeteuerungen des offiziellen Deutschland Glauben schenkte, dabei aber die antijüdische Rassenpolitik des Nationalsozialismus negierte. Nach seiner Meinung wurden die kritischen Pressestimmen zu Berlin 1936 durch Bestechungen erzeugt. Coubertin kritisierte nicht – er kooperierte. Er regte kurz vor seinem Tod sogar die Gründung eines Internationalen Olympischen Institutes in Deutschland an. Übertroffen wurde die Naivität Coubertins nur noch vom IOC, das im Juni 1939 in London die Olympischen Winterspiele 1940 wegen eines Streits mit dem Internationalen Ski-Verband (FIS) von St. Moritz nach Garmisch-Partenkirchen verlegte.
Zwei Monate zuvor hatten deutsche Truppen im März 1939 Prag besetzt und damit das Münchener Abkommen von 1938 gebrochen; acht Monate zuvor hatte das Novemberpogrom 1938 den verbrecherischen Charakter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft bewiesen und der jüdischen Sportbewegung, um deren Fortbestand im Vorfeld von Berlin 1936 so stark gerungen worden war, ein Ende bereitet.
Diese politische Blindheit kann nur mit dem vorherrschenden Anti-Bolschewis­mus des IOC erklärt werden, das in Deutschland ein Bollwerk gegen die Sowjet­union und den Kommunismus ansah.

„Sportliche Siege und Erfolge bei internationalen Wettkämpfen wurden und werden schließlich als Beweis für die Überlegenheit des jeweiligen staatlich-politischen Systems, der Rasse, des Volkes und/oder der Nation dargestellt.“

Prof. i.R. Dr. Hans Joachim Teichler

Wie positionierte sich der Internationale Sport und das IOC nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs durch den Überfall auf Polen zu dem Deutschen Reich?

Die internationale Sportwelt reagierte auf den deutschen Aggressionskrieg gegen Polen unterschiedlich. Die neutralen Schweizer und Schweden sagten Sportbegegnungen mit Deutschland zunächst ab, dagegen setzten  Ungarn (11), Italien (10), das Reichsprotektorat Böhmen und Mähren (4), Dänemark (4), Jugoslawien (2), Slowakei ((2), Bulgarien (1) und Rumänien (1) den Sportverkehr im Jahr 1939 fort. IOC-Präsident Henri Graf de Baillet-Latour, dessen Heimatstadt Brüssel von der 6. Armee, deren Befehlshaber sein IOC-Kollege Heeresgeneral Walter von Reichenau war, erobert worden war, gestand den Deutschen alle Änderungswünsche zu, versetzte aber kluger Weise das IOC in einen Ruhezustand bis zum Ende der Kampfhandlungen. Die internationalen Sportverbände reagierten unterschiedlich. Es ist wenig bekannt, dass im Zweiten Weltkrieg eine reguläre Ski-Weltmeisterschaft (Cortina d’Ampezzo 1941) und eine reguläre Box-Europa-Meisterschaft (Breslau 1942) stattfanden. 1941 und noch 1942 kam es zu Fußballländerspielen mit der Schweiz und Schweden.

Ein wesentliches Element der Olympischen Spiele von 1936 war die propagandistische Nutzung der Spiele. Was bedeutet das konkret? Wie wurden die Spiele eingesetzt und wie ließ sich das in das Konzept der Internationalen Sportpolitik einbetten?

„Sportliche Siege und Erfolge bei internationalen Wettkämpfen wurden und werden schließlich als Beweis für die Überlegenheit des jeweiligen staatlich-politischen Systems, der Rasse, des Volkes und/oder der Nation dargestellt.“ Sie erleichtern in jedem politischen System die Identifikation nach innen und ermöglichen die Repräsentation nach außen. Diese generellen politischen Funktionen des Sports wurden in der konkreten außenpolitischen Situation nach der Machtergreifung Hitlers 1933 durch weitere Komponenten ergänzt. Mit der Fortsetzung der internationalen Sportbeziehungen konnte Normalität und Kontinuität demonstriert werden. Die Befürwortung der Olympischen Spiele 1936 durch Hitler im März 1933 ermöglichte in der „Risikozone“ der unterlegenen eigenen Rüstung eine intensive Friedenspropaganda zur Tarnung der deutschen Aufrüstung. Die gleichzeitig betriebene „totale Mobilmachung der deutschen Jugend“ ließ sich als Streben nach sportlicher Weltgeltung tarnen. Die enorme politische Bedeutung der Olympischen Spiele 1936 ist dadurch entstanden, weil sie so friedlich, olympisch bewegt und unpolitisch durchgeführt worden sind. Die kriegerischen Absichten Hitlers waren ja weltweit bekannt. Daher urteilte die New-York-Times: „The greatest propaganda stunt in history“. Trotzdem – oder gerade wegen dieses Gegensatzes – ist das historische Interesse am „Gesamtkunstwerk Berlin 1936“ im In- und Ausland ungebrochen.

Inwiefern lässt sich der propagandistischen Nutzung der Olympischen Spiele im Konkreten und Internationaler Sportwettkämpfe im Allgemeinen eine Parallele in die Neuzeit, etwa zu Russland oder China ziehen?

Berlin 1936 hat vorgemacht, was Moskau 1980 und Peking 2008 nachgeahmt haben: Glanzvolle Spiele ohne Demonstrationen und Proteste, abgeschirmt durch Polizei und Zensur. Menschenrechtsverletzungen, unterdrückte Volksgruppen oder Religionen spielen und spielten dabei für die Vergabe durch das IOC eine untergeordnete Rolle. Die Vorbildfunktion der Olympischen Familie im Zusammenleben des Olympischen Dorfes blieb bei Diktaturen jeglicher Couleur ohne Wirkung.

Bei den Olympischen Spielen in Beijing erregte der Skandal um die Eiskunstläuferin Kamila Valieva große internationale Aufmerksamkeit. Knapp zwei Monate später kam es zum Angriff auf die Ukraine. Auch wenn es hier kaum einen unmittelbaren Zusammenhang geben wird, stellt sich dennoch die Frage, inwiefern sich ein Ausschluss Russlands aus der internationalen Staatengemeinschaft bereits hier abzeichnete und inwiefern die Olympischen Spiele selbst zum Politikum werden können?

Russland hat sich durch seine Doping-Praktiken in Sotschi selbst aus der internationalen Sportwelt ausgeschlossen. Sportverkehr mit einem Aggressorstaat halte ich für unmöglich, so leid es mir für die einzelnen russischen Sportler:innen tut.

Mehr zum Thema erfahren in Internationale Sportpolitik im Dritten Reich, Von Prof. i.R. Dr. Hans Joachim Teichler 2., überarbeitete und erweiterte Auflage 2022